——
Portail / Actuel / Tatort - Experten rezensieren den Fernsehkrimi / Tatort
Ab Januar wird das Schweizer Fernsehen sonntäglich die beliebteste Krimireihe im deutschsprachigen Raum ausstrahlen und jährlich selbst zwei Beiträge beisteuern. Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Wie einst Lilly" rezensiert Susy Schmid, Krimiautorin.
Tatort: Wie einst Lilly
Eine "Tatort"-Rezension soll ich schreiben? Aber ich habe doch gar keinen Fernse-
Auf DVD? Ach so. Ja, gern!
Die DVD trifft ein und der "Tatort" wirft seine Schatten voraus: Als erstes läuft mir gleich mal drei Tage lang "Lili Marleen" nach und zudem fällt mir eine Geschichte ein, die mein Vater (eine wahre Geschichten-Goldmine) immer gern erzählt: Wie ein Bekannter von ihm - während eines WKs in den frühen Fünfzigerjahren - an einem Schiffssteg am Vierwaldstättersee zufällig miterlebte, dass einem eben angekommenen Dampfschiff die Sängerin Lale Andersen entstieg. Wie sich alsbald ein halbes Manipel Soldaten um die Andersen drängelte und um Autogramme bat, die ihnen auch freundlich gewährt wurden: Lale unterschrieb alle möglichen Fresszettel - und ganz zum Schluss auch noch auf einer leeren Seite im Dienstbüchlein des Kollegen meines Vaters. Er hatte sonst gerade nichts Papierenes bei sich.
Ich bin ganz gespannt auf den Krimi. Wie lange es tatsächlich her ist, seit ich eine Folge von "Tatort" gesehen habe, wird mir beim Vorspann klar. Die leicht kakophon-beängstigende Fanfare ganz am Anfang ist noch dieselbe, desgleichen das Augenpaar mit dem schuldbewussten Blick. Aber die Augen sind blau und die Balken, die den Rest des Bildschirms abdecken, sind farbig! Upps! Alles ist immer viel länger her, als man denkt.
Die beiden ersten Szenen nehmen das Fadenkreuz-Thema des Vorspanns auf, sehr schön. Und, paff, ist mir auch schon der Kommissar sympathisch, wie sollte er auch nicht; er hat ein ältliches Bubengesicht und einen Hirntumor.
Und jetzt muss ich mich konzentrieren. Der Erzählrhythmus dieser deutschen Fernsehproduktion ist mir unvertraut. Normalerweise schaue ich mir amerikanische Thriller auf DVD an, britische Komödien oder gern auch Serien wie "Bones" (extrem beliebt unter Schweizer Krimischriftstellerinnen). Ich schäle mir in der Küche ein Mandarinli und muss anschliessend prompt zurückspulen, um noch zu verstehen, was abläuft.
Der Kommissar wird an den Edersee (in "Hessisch Sibirien") geschickt, um abzuklären, ob ein in einem Ruderboot aufgefundener Toter tatsächlich Selbstmord begangen hat. Die Tatwaffe wurde 1984 von der RAF bei einem Überfall auf ein Waffengeschäft erbeutet.
Bilde ich mir das nur ein? Oder ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass wir uns in einer Übergangsepoche befinden? Wo es früher hiess: "Ich konstruiere jetzt mal eine spannende Krimihandlung - die Beweggründe der Protagonisten gehen auf die Nazi-Zeit zurück", könnte man heute sagen: "Ich konstruiere jetzt mal eine spannende Krimihandlung - die Beweggründe der Protagonisten gehen auf die RAF-Zeit zurück." Nicht?
Des Kommissars Tumor beginnt aufzumucken. Der Zuschauer bekommt das recht eindrucksvoll mit: Dialoge werden plötzlich dumpf und unverständlich, die Aussicht auf den See verschwimmt und ich erschrecke womöglich noch mehr als der Kommissar selber, als er den Toten in der Gerichtsmedizin besucht und sich dessen Gesicht plötzlich in sein eigenes, jenes des Kommissars, verwandelt, ihn anlächelt und ihm zuzwinkert. Upps!
Dann eine wunderbare Montage: Der Kommissar hört die halluzinierte Stimme seiner verlorenen Jugendliebe Lilly. "Komm her zu mir", lockt sie, während er von der Staumauer ins gischtende Wasser blickt, und aufs Mal zeigen sich ihm verstörende Bilder aus seiner Erinnerung. Leichenteile und Blutlachen nach einem Autobomben-Attentat der RAF auf den Industriemagnaten Lohmann. Ein kleines Mädchen duckt sich unter dem Absperrband am Rande des Geschehens durch, rennt mitten aufs Schlachtfeld.
Es ist dem Kommissar von Herzen zu gönnen, dass er sich inzwischen ein wenig mit der Wirtin der Pension, in der das - davon ist er je länger, je mehr überzeugt - Mordopfer vor seinem Tod logierte, angefreundet hat. Das Fernsehpublikum sieht die (ausgesprochen schöne) Frau allerdings ein sehr verdächtiges Telefonat führen und traut ihr anschliessend alles mögliche zu.
Inzwischen habe ich auch den Namen des Kommissars mitgekriegt. Murot heisst er - merkwürdig. Hugenottisch? Anatolisch? Nein, letzteres wohl nicht; sein Vater war protestantischer Pfarrer im Nachbardorf.
Und hier melde ich zum ersten und einzigen Mal gewisse Bedenken zuhanden des Drehbuchautors an. Muss Murot wirklich aus der Gegend stammen? Gewiss, das gibt Gelegenheit zu ein paar interessanten Reminiszenzen, aber überfrachten die die Story nicht eher, als sie zu bereichern?
Egal. Der Kommissar, ahnt die Zuschauerin unterdessen, wird für sein Kopfweh und seine Halluzinationen nicht nur durch gesteigerte Geruchs- und Geschmacksempfindungen (zum Beispiel beim Zmorge in der Pension) entschädigt, sondern vor allem durch generell schärfere Wahrnehmung und überlegene Intuition. Obwohl der Tote (inzwischen als Reporter einer Boulevardzeitung identifiziert) offiziell als Selbstmörder verbucht wird, bleibt Murot dran, wird von seiner Krankheit gebeutelt, schluckt Tabletten, trinkt Alkohol und spielt nachts Klavier, der arme Junge. Aber er findet die femme à chercher: Kirsten Vegener, Tochter eines seit Jahrzehnten schwer invaliden Vaters. Er war der Chauffeur des Industriellen Lohmann und wurde beim Attentat lebensgefährlich verletzt. Seine Tochter will ihn rächen. Sie ist Bibliothekarin.
Als eidg. dipl. Sortimentsbuchhändlerin finde ich es immer spannend, wenn Bücherfrauen im Film erst als solche deklariert werden, wohl um die Illusion "harmloser Blaustrumpf" zu schaffen, und sie dann unter Getöse als a)sexier als Kleopatra und/oder b)tückischer als die Viper im Papyrusdickicht auffliegen.
Als Krimiautorin bin ich beeindruckt vom Drehbuch dieser "Tatort"-Folge. Da gibt's nichts zu nürzen. Die Story funktioniert. Alles geht auf. Absolut alle Handlungsfäden werden geradezu manisch sauber vernäht. (Dass es womöglich lebensnaher wäre, den einen oder anderen Strang ins Leere führen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.)
Kommissar Murot therapiert seine zunehmende Neigung, bei nächtlichen Autofahrten die Hände vom Steuerrad zu nehmen durch den Ankauf seines Traumautos. Die Bibliothekarin macht sich auf, die Pensionswirtin zu erschiessen. Der tote Reporter hatte die Frau als ehemalige RAF-Terroristin identifiziert. Die Zuschauerin kaut Nägel und Mandarinli.
Ist es plausibel, dass ein hochrangiger Polizeibeamter seinerzeit, 1984, durch die Aussage einer reuigen Terroristin (der nachmaligen Pensionswirtin) von einem geplanten Terroranschlag wusste, diesen aber ungehindert geschehen liess? Um "die Republik zu stärken"?
Keine Ahnung. Aber für die Dauer einer "Tatort"-Folge glaube ich es mal. Hat's noch ein Mandarinli?
Susi Schmid, Krimiautorin
——
Manifestations
| Lu | Ma | Me | Je | Ve | Sa | Di |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 30 | 01 | 02 | 03 | 04 | 05 | 06 |
| 07 | 08 | 09 | 10 | 11 | 12 | 13 |
| 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 |
| 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 |
| 28 | 29 | 30 | 01 | 02 | 03 | |
| 07 | 08 | 09 | 10 |




Manifestations
Tatort - Experten rezensieren den Fernsehkrimi
Plus



Panier
(0)