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Tatort - Unter Druck

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Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Unter Druck" rezensiert Daniel Suter, Jurist und Autor des Romans "Der Insider". Daniel Suter wurde im Mai 2009 von der Entlassungswelle beim «Tages-Anzeiger» erfasst.

Tatort: Unter Druck

Der Besuch der jungen Dame

 

Die Leiche liegt schon da, bevor das erste Wort fällt: Carsten Moll, Unternehmensberater der Uno Consult, ist abgestürzt, tief in die Lobby eines Kölner Verlagshochhauses. «Gesprungen?», fragt Kommissar Freddy Schenk knapp. «Mit einem Smartphone in der Hand?», gibt der Polizist zurück. «Also gesprungen worden», nickt Schenk befriedigt. Damit ist sein Arbeitsplatz am Bildschirm gesichert. Anders sieht es für die Mitarbeiter des Verlags und der Kölner Lokalzeitung «Abendblatt» aus – sie müssen um ihre Jobs bangen. Die Uno Consult wurde von Lars Fraude, dem ehrgeizigen Juniormitglied der Geschäftsleitung, ins Haus geholt, um das Unternehmen «fit for fusion» mit einem Londoner Medienhaus zu machen. Und gerade als die Polizei den Reissverschluss des Leichensacks über den Kopf des Toten zurrt, betritt die Teamleiterin von Uno Consult den Tatort. Nur kurz verliert Rita Landmann die Fassung, dann ist die kalte Schale wieder dicht. Schenks Partner, der sensitive Max Ballauf, wird sich während der nächsten Fernsehstunde vergeblich abmühen, einen Zugang zu ihrem Herzen aufzuknacken.

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Copyright: ARD Degeto

Der Besuch der jungen Dame Landmann weckt im Verlag Erwartungen und Ängste wie bei Dürrenmatt. Auch sie hat zwei Eunuchen an ihrer Seite, statt Koby und Loby heissen sie Alex und Valentin. Ihr Auftrag ist es, das Unternehmen zu durchforsten und die Namen von überflüssigen Mitarbeitern auf einer «schwarzen Liste» zu sammeln. Von der grossen Unruhe im grossen Betrieb – 1700 Mitarbeiter soll er allein in Köln zählen – wird bloss geredet. Die Arbeiter der Druckerei zeigen sieht das TV-Publikum nur von ferne als gemütliche Statisten. «Hier laufen eben jede Menge Reporter herum», behauptet Manager Fraude, ohne dass sich je einer von ihnen blicken lässt. Ihr «Abendblatt» bringt statt Schlagzeilen nur lahme Fragen: «Tödliche Beraterkonkurrenz oder Mitarbeiteramok?» – einer Drehbuchschreiberin (Dagmar Gabler) mag so etwas Wurmstichiges einfallen, einem Online-Redaktor aber kaum. «Todessturz im Glashaus!» ist das Mindeste, was ein Boulevardpublikum erwarten darf. Auch in echten Printausgabe wäre die Schlagzeile «Wer ist der Beraterkiller?» höchstens einen Eintrag auf der schwarzen Liste wert. So ratlos steht das Fernsehen vor der Realität der aktuellen Medienkrise. «Internet, Blogs – die Zeiten ändern sich», mimt Kommissar Ballauf Mitgefühl. «Ist das der Grund für die Fusion?» «Unter anderem», knurrt Seniorchef Dr. Brinkmann. «Unter Druck» heisst dieser Tatort, aber damit sind offenbar nicht die unsichtbaren Angestellten gemeint. Kein Arbeitskampf weit und breit, auch keine Gewerkschaft, die sich engagiert. Diesen Part übernehmen verdienstvoll die Kommissare Schenk und Ballauf, die immer wieder staunend oder schnaubend die Gefühllosigkeit der Unternehmensberater kommentieren. Der Klassenkampf wird zum Kammerspiel im Kölner Glasdom der Chefetagen, wo die Fenster bis zum Fussboden reichen.

Der tote Carsten Moll, erkennen Schenk und Ballauf, war ein arrogantes Schwein, das seine Persönlichkeitsanalysen am liebsten in pubertäre Porno-Karikaturen kleidete und nebenher noch Elli, eine kleine Mitarbeiterin der Inseratenannahme, vernaschte. Zwischen Moll und seiner Chefin Landmann soll es gehörig geknistert haben, verrät der Fahrer eines Limo-Services. Auch im Verlag sitzen viele Verdächtige. Personalchef Kahn, ein fettglitschender Wendehals, Seniorchef Brinkmann, der abgeschoben werden soll, Manager Fraude, aber auch der junge Drucker Ulf Haas, der eifersüchtige Freund von Elli. Der altgediente Druckereileiter Peters füttert in seinem Büro einen giftigen Rotfeuerfisch und bekennt den Kommissaren, dass er den Beratern Namen für die schwarze Liste geliefert habe. Später entdeckt er zufällig seinen eigenen Namen auf dieser Liste. Kurz darauf findet die Polizei seinen Giftfisch vergiftet im Aquarium und Peters erhängt in der Druckerei. Auch diesen Tod nimmt die Belegschaft apathisch hin. Ein paar Kerzen auf dem Arbeitstisch des Chefs und eine Schweigeminute.

Dafür geht der Kampf in den oberen Etagen erst richtig los. Fraude möchte die Fusion mit London alleine durchziehen und bootet das Beraterteam aus. Der Zuschauer fürchtet schon um den sensibleren der beiden Eunuchen; einen Moment sieht es aus als stürze Valentin sich vom Dach des Hotels. Seine Chefin Landmann aber plant schon den nächsten Einsatz und kommt Champagner auf die Dachterasse: «Wir sind back – Folgeprojekte Schweiz! Berge!» Millionen von SRG-idée-suisse-Zuschauern stockt der Atem. Zum Glück für uns kriegt sie in Köln doch noch die Kurve, dank dem alten Brinkmann, der mit ihr paktiert: Landmann darf einen Alternativvorschlag zur Fusion präsentieren. Das durchkreuzt die Pläne von Geschäftsleiter Lars Fraude, der in London schon unterschreiben wollte. Er kommt zurück, platzt in die Sitzung des Vorstands und in die Präsentation von Rita Landmann. Auch Schenk und Ballauf sind da – dank der Sexkarikaturen von Moll haben sie ermittelt, dass der Berater Fraudes Fusionsvertrag als Pfusch erkannt hatte. Darauf warf Fraude ihn über Bord in die Lobby. In einem letzten Aufbäumen bedroht Fraude seine Rivalin Landmann mit einem Fleischermesser. (Praktisch, dass das so schön vor dem Sitzungszimmer bereit liegt.) Bevor der Amokmitarbeiter die junge Dame über die gleiche Brüstung in die Tiefe stossen kann, schiesst Schenk ihm ins Bein. Am Boden liegend schreit Fraude die Beraterin an: «Ihr geht über Leichen!» Da zieht Eunuch Valentin seine Krawatte aus und entlässt sich selbst.

Glücklich wieder im Kommissariat, lädt Schenk seinen Partner Ballauf und die von beiden zur Arbeitssklavin degradierte Kollegin Franziska grossartig zum nächsten Currywuststand ein. Es ist Nacht, und das «Abendblatt» wird ausgerufen. Auf der letzten Seite wieder mal ein knackiger Titel: «Neue Geschäftsleitung beim Abendblatt», dazu ein Foto von Dr. Ludwig Brinkmann und Rita Landmann beim Handshake.

Über die Massenentlassung im Kölner Verlag wie in der «Abendblatt»-Redaktion und über den Kampf um einen Sozialplan wird uns vielleicht später einmal RTL berichten.

 

Daniel Suter, Jurist und Autor des Romans «Der Insider», wurde im Mai 2009 von der Entlassungswelle beim «Tages-Anzeiger» erfasst.

Der Insider

Suter, Daniel

Der Insider

Roman

Edition 8; 2008

978-3-85990-130-8

CHF 32.00 | Disponible

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