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Tatort - Unsterblich schön

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Ab Januar wird das Schweizer Fernsehen sonntäglich die beliebteste Krimireihe im deutschsprachigen Raum ausstrahlen und jährlich selbst zwei Beiträge beisteuern. Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Borowoski und eine Frage nach reinem Geschmack" rezensiert Jürg Niklaus, Rechtsanwalt in Zürich.


Archiv:

Thomas Hansjakob, Erster Staatsanwalt des Kanton St. Gallen, über »Hauch des Todes« mit Lena Odenthal (22.08.2010)

Friedrich Frank, Rechtsanwalt in Bern, über »Glaube, Liebe, Tod« mit Harald Krassnitzer (29.08.2010)

Friedrich Greutert, Wachtmeister bei der Stadtpolizei Zürich, über »Am Ende des Tages« mit dem Ermittlerduo Sänger/Dellwo(05.09.2010)

Judith Hödl, Polizeisprecherin bei der Stadtpolizei Zürich, über »Schmale Schultern« mit dem Ermittlerduo Ballauf/Schenk (12.09.2010)

Reto Suhr, Rechtsanwalt und Verfasser des Kriminalromas »Mord am Obergericht« über den Tatort »Bluthochzeit« mit Klara Blum (19.09.2010)

Konrad Jeker, Rechtsanwalt in Solothurn und Betreiber des Blogs www.strafprozess.ch über den Tatort »Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen« mit Ritter und Stark (27.09.2010)

Florian Holzer, Ludwig- Maximilians-Universität München, Institut für die gesamten Strafrechtswissenschaften, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik  und Rechtsanwalt in München über den Tatort »Die Heilige« mit Batic/Leitmeyer.

Michael Herzig, Krimiautor in Zürich, rezensiert den Tatort »Der Schrei« mit Lena Odenthal und Mario Kopper.

Tatort: Unsterblich schön

Man darf an einen Kriminalfilm – in diesem Fall eine Folge der „Tatort“-Serie: „Unsterblich schön“ – was den Informations- und Realitätsgehalt betrifft, nicht anders herangehen als an Grimms Märchen. Es ist daher unangemessen, vielleicht sogar ungerecht, mit juristischer Elle daran herumzumessen. Tut man es trotzdem, bleibt hier das Urteil: Es stimmt nichts.

Die Verhörmethoden der Kriminalpolizei , hier personifiziert durch zwei Kriminalhauptkommissare, sind so dargestellt, wie es sich ein kindliches Gemüt, das zu viele amerikanische Fernsehkrimis gesehen hat, über das die Drehbuchverfasserin offenbar verfügt, sich vorstellt. Juristisch, aus der Polizei- und Ermittlungs-Perspektive gesehen, stellen sich einem die rechtsstaatlichen Haare zu Berge. Es ist, zugegeben, schwer, eine nüchterne Vernehmung mit Belehrung über die Rechte des Beschuldigten oder Zeugen, mit Protokoll und allem, in dramatisch ansprechende Form zu gießen, aber eine Vernehmung von zwei oder vier Zeuginnen oder Zeugen gleichzeigt in gelockerter Espresso-Atmosphäre ist schon eher putzig. ( Zahlen die Hauptkommissare – Gehobener Dienst, Besoldungs-Stufe A 11/12 den Espresso jedesmal aus eigener Tasche ? ) Überhaupt bewegen sich die Verhöre durch die beiden, vom Drehbuch offenbar tief-menschlich gefühlten Hauptkommissare mehr im bedeutungsschweren Seelen-Geplauder als im Ermittlungsbemühen. Der üble Trick schlechter Drehbuchschreiber und ebensolcher Regisseure, die billigste dramaturgische Ware, wird häufig angewandt: nach einer wichtigen, unheilschwangeren Frage die Szene abrupt abzubrechen. Aber ich verstehe: hätte man die Antwort abgewartet, wäre der Film zu Ende gewesen.

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Copyright: ARD Degeto

Das Haarsträubendste in diesem Film war die Szene – das fällt wohl selbst einem auf, der das Milieu nicht kennt – als in der Handtasche einer Beschuldigten während des Verhörs das Handy klingelt, und der Kriminaler unverfroren in die Handtasche greift und das Handy herausfischt, um nachzuschauen, wer anruft. Ein Disziplinarverfahren wäre das wenigste, was auf den Hauptkommissar da realiter herunterprasselte. Überhaupt Handy. Es gibt ein ehernes Qualitätsmerkmal für – nicht nur – Kriminalfilme: je mehr telephoniert und je mehr von Rückblenden, diesen Dramaturgie-Prothesen, Gebrauch gemacht wird, desto schlechter ist er. Der vorliegende Fall gehört, daran gemessen, in die Handelsklasse D (Kategorie Kartoffeln). Auch die Auflösung wird mittels einer hilflosen Rückblende betrieben: einem rückgeblendeten Geständnis, das den Kriminalern jede Anstrengung, den Fall aufzuklären, und dem Zuschauer jede nervenreißende Spannung erspart.

Verschenkt ist auch die Gelegenheit, die Scheinwelt der Wellnesserei und des Anti-Aging-Schwindels in sozusagen tragender Rolle zu zeigen, damit richtig zu spielen. Wie hätte ein Drehbuchautor hier in die Vollen greifen können. Hier ist das alles nur halbherziges Dekor.

Die Besetzung freilich ist hervorragend, das soll aber hier nicht im Einzelnen referiert werden. Die schöne schokoladierte Nackte hätte ich gern ausführlicher gesehen.

Herbert Rosendorfer

Archiv:


»Hauch des Todes«
mit Lena Odenthal (22.08.2010)
Rezensiert von Thomas Hansjakob, Erster Staatsanwalt des Kanton St. Gallen

»Glaube, Liebe, Tod«
mit Harald Krassnitzer (29.08.2010)
Rezensiert von Friedrich Frank, Rechtsanwalt in Bern


»Am Ende des Tages«
mit dem Ermittlerduo Sänger/Dellwo(05.09.2010)
Rezensiert von Friedrich Greutert, Wachtmeister bei der Stadtpolizei Zürich

»Schmale Schultern«
mit dem Ermittlerduo Ballauf/Schenk (12.09.2010)
Rezensiert von Judith Hödl, Polizeisprecherin bei der Stadtpolizei Zürich

»Bluthochzeit«
mit Klara Blum (19.09.2010)
Rezensiert von Reto Suhr, Rechtsanwalt und Verfasser des Kriminalromas »Mord am Obergericht«

»Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen«
mit Ritter und Stark (27.09.2010)
Rezensiert von Konrad Jeker, Rechtsanwalt in Solothurn und Betreiber des Blogs www.strafprozess.ch

»Die Heilige« mit Batic/Leitmeyer.
Rezensiert von Florian Holzer, Ludwig- Maximilians-Universität München, Institut für die gesamten Strafrechtswissenschaften, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik  und Rechtsanwalt in München

»Der Schrei« mit Lena Odenthal und Mario Kopper.
Michael Herzig, Krimiautor in Zürich

»Borowski und eine Frage von reinem Geschmacks« mit Klaus Borowski (24. 10.2010)
Rezensiert von Jürg Niklaus, Rechtsanwalt in Zürich, www.minder-niklaus.ch

»Die Unsichtbare« mit Lannert/Bootz vom 14. 11. 2010
Rezensiert von Andreas Schweizer, Kriminaltechniker bei der Stadtpolizei Zürich