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Tatort - Schmale Schultern

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Tatort: Schmale Schultern

Kontaktiert man das Internet um herauszufinden, welche Tatort-Kommissare bei den Zuschauern am beliebtesten sind, fehlt ein Duo ganz bestimmt nicht: Max Ballauf und Freddy Schenk!

Max Ballauf, ein bekennender Single, erlebt ab und an amouröse Abenteuer, die ihn schon mehrmals in die Bredouille gebracht haben. Sein Partner, der eher grimmig wirkende und übergewichtige Freddy Schenk, trägt stets massgeschneiderte Anzüge und Cowboystiefel. Zu meinem grossen Erstaunen ist er meist im Besitz von sichergestellten Autos, die er als Dienstwagen fahren darf. Schenk ist verheiratet, hat zwei Töchter, die mit seinem übertriebenen Beschützerinstinkt zu kämpfen haben.

In dieser Folge werden die beiden Kommissare vor ein mehrstöckiges Wohnhaus gerufen, weil dort eine weibliche Leiche gefunden wurde. Schnell ist klar, dass die Frau vom Balkon ihrer Wohnung in die Tiefe gestürzt war. Erste Erkenntnisse am Tatort weisen nicht auf einen Selbstmord sondern auf ein Gewaltverbrechen hin. Bei der Toten handelt es sich um Regina Scheffler, die mit Jens Otten, einem geschiedenen Familienvater, verlobt war. Im Rahmen der Umfeldermittlungen stossen die Kommissare auf schwierige zwischenmenschliche Beziehungen. Jens Otten führt gegen seine geschiedene Frau, Claudia Otten, einen erbitterten Kampf um Unterhaltszahlungen. In diese Streitigkeiten sind auch der kleine Sohn Benjamin, die 15-jährige Tochter Laura, ihr Freund Patrick sowie dessen Eltern involviert. Alle haben mit den Auswirkungen der zerrütteten Familienverhältnisse zu kämpfen. Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Toten stellt sich heraus, dass diese schwanger war.

Bald einmal ist sowohl für das Kommissaren-Duo als auch für die Zuschauer klar, dass die Täterschaft innerhalb oder im Umfeld der Familie Otten zu suchen ist. Als die Polizei Graffitis in der Wohnung der Verstorbenen Patrick zuordnen kann, gerät er als Erster ins Visier der Ermittler.

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Copyright: ARD Degeto

Kommissar Freddy Schenk muss nicht nur den Fall lösen, sondern mischt sich wieder einmal in das Privatleben seiner Tochter Melanie ein. Weil sie einen arbeitslosen Surflehrer als neuen Freund hat, schreckt er nicht davor zurück, Informationen über diesen via Polizeidatenbank zusammenzutragen. Bei Datenschützern würde diese Handlung sicherlich blankes Entsetzen hervorrufen. Der Tochter bleibt diese Aktion nicht verborgen, entsprechende Spannungen sind also vorprogrammiert. Erfreulich war, dass der Drehbuchautor bei einem einzigen Handlungsstrang blieb, sodass die Zuschauer nicht auf verwirrende Nebengleise geführt wurden.

Als Polizistin wird man häufig gefragt, ob Film und Realität weit auseinander liegen. Beziehe ich mich auf den vorliegenden Fall, so wären Max Ballauf und Freddy Schenk lediglich zwei Figuren in einem komplexen vorgegebenen Ablauf. Das Ganze ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Abteilungen und Diensten. Keinesfalls stünden die Kommissare derart im Vordergrund wie im Film. Nach dem Auffinden der Toten, der umfassenden Spurensicherung sowie den ersten Ermittlungen, würde eine Sitzung mit allen in das Verfahren involvierten Personen stattfinden. Dabei würden der aktuelle Kenntnisstand ausgetauscht, das weitere Vorgehen besprochen und Aufträge erteilt. Neben Ballauf und Schenk wären die Verantwortlichen der Spurensicherung des Forensischen Instituts Zürich, Vertreter des Instituts für Rechtsmedizin und insbesondere Vertreter der Staatsanwaltschaft zwingend mit von der Partie. Der Staatsanwaltschaft obliegt in jedem Fall die Verfahrenshoheit. Das bedeutet auch, dass beim Vorliegen eines Tötungsdelikts der Staatsanwalt am Anfang ebenfalls an den Tatort ausrückt.

Ballauf und Schenk konfrontieren Auskunftspersonen, Zeugen wie auch Tatverdächtige auf der Strasse, an deren Arbeitsort oder schlicht zwischen Tür und Angel mit knallharten Facts. Sie stellen ihnen dabei Fragen, darunter auch unzulässige Suggestivfragen, ohne sie zuvor über ihre Rechte und Pflichten gemäss Strafprozessordnung aufzuklären. Gerade im vorliegenden Fall müssten die Betroffenen, die fast alle in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, unbedingt auf ihre Zeugnisverweigerungsrechte aufmerksam gemacht werden. Solche Begegnungen würden in den Büros der Polizisten stattfinden und in Form von schriftlichen Einvernahmen durchgeführt.

Ebenfalls nicht zulässig sind die parallelen Einvernahmen von Personen mit „Verdunkelungsgefahr“. Zwar waren die Betroffenen räumlich getrennt, hatten aufgrund von durchsichtigen Glastrennwänden aber jederzeit Blickkontakt miteinander. Immerhin unterliessen die Kommissare nie den Hinweis, dass die Angeschuldigten eine Rechtsvertretung bestellen könnten.

Von den Behörden nicht erkannt wurde die Tatsache, dass Claudia Otten als allein erziehende Mutter offensichtlich überfordert war. Sie nahm Medikamente und stand häufig unter Alkoholeinfluss. Dies hätte fast zu einer Katastrophe geführt, als Benjamin Otten nach einem Ausreissversuch wieder in die Obhut seiner Mutter gegeben wurde. Dabei erfuhr diese von Franziska, der Assistentin der beiden Kommissare, dass die 15-jährige Laura als Tatverdächtige im Tötungsdelikt festgenommen wurde. Als Franziska danach Mutter und Sohn alleine im Haus zurückliess, ahnte ich Schlimmes. Als ehemalige Detektivin der Fachgruppe Kinderschutz war mir rasch klar, dass die Polizei schon zu einem früheren Zeitpunkt gemeinsam mit der Vormundschaftsbehörde vorsorgliche Massnahmen zum Wohl der Kinder hätte treffen müssen.

Noch kurz zur Spurensicherung: Die Arbeiten der Spurensicherung werden bei Krimiserien nicht in der minutiösen Art wiedergegeben, wie sie in der Realität der Profis ablaufen. Die beiden Kommissare dürften sich vor dem Ende der Spurensicherung niemals so frei in der Wohnung, dem mutmasslichen Tatort, bewegen. Ohne zu wissen, ob beim Balkon die Spurensicherung bereits durchgeführt wurde, berührten sie die Brüstung und beugten sich darüber. Die entsprechende Frage stellten sie ihren Kollegen erst, als sie ein gerahmtes Foto in der Wohnung anfassen wollten. Nicht zu vergessen: Der administrative Aufwand, den die Polizei bei Ermittlungsverfahren zu bewältigen hat, ist enorm. Verständlicherweise wird dies bei TV-Produktionen nicht gezeigt.

Übrigens: Einen Tag nachdem ich „Schmale Schultern“ gesehen hatte, stürzte in Zürich ein Mann aus dem Fenster einer Liegenschaft rund 10 Meter in die Tiefe…

Judith Hödl, Polizeisprecherin der Stadtpolizei Zürich