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Tatort - Hauch des Todes

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Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Der schöne Schein" rezensiert Albrecht Götz von Olenhusen, Rechtsanwalt in Freiburg/Br. und Lehrbeauftragter der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf

Tatort: Der schöne Schein

Ein überraschender, vortrefflich inszenierter Effekt (Regie: René Heisig) zu harten Beginn: der Mord an der Eigentümerin einer Schönheitsklinik im deutsch-schweizerischen Bodenseeraum und im Angesicht der ästhetisch schönen, grenzenlosen Weite des Weltraums eines Planetariums. Klara Blum (Eva Mattes) darf ein letztes Mal mit dem Thurgauer Kantonspolizisten Reto Flückiger (Stefan Gubser) im Grenzgebiet zwischen Medizin und Kriminalität ermitteln. Und wenn uns der Eindruck nicht täuscht, sind beide etwas lustlos bei der Sache. Flückiger mag vielleicht schon in seinen Gedanken bei den künftigen eigenen Luzerner Tatorten weilen. Klara Blum, sonst eher auf etwas elegische Weltweisheiten abonniert, darf immerhin mal einer vorlaut-frechen und geradezu aufreizend gut aussehenden,in teure Designerkleider gewandten und daher sogleich höchst verdächtigen Krankenschwester (gekonnt und mit Grazie: Katrin Bühring) den lustigen Satz entgegenschleudern: "Lieber was Richtiges im Kopf als was Falsches im BH". Einen dubiosen Arzt des noch verdächtigeren Trios wird sie sogleich scharf belehren: "Bei einem Mord ist nichts privat." Der krimi-erprobte Jurist kennt sich aus: in deutschen Tatorten werden Beschuldigte nicht gerne im Präsidium, sondern lieber am eleganten Ort und an fein möblierter Stelle sanft und etwas beiläufig ohne Belehrung über ihre Rechte nach brüchigen Alibis befragt. Aber die durchsichtigen Realitäten der subtilen Fiktion sind, das wissen wir blutigen Laien inzwischen , eben ganz andere, als die schnöde Rechtsgelehrsamkeit uns träumen lässt.
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Copyright: ARD Degeto

Traumhaft fotografiert ist die elegante, aseptische, kunstvoll und künstlich glänzende Kulisse der Klinik (Kamera: Cornelia Wiederhold, Szenenbild: Urs Beuter, Kostüme Charlotte Graf). Hinter den glatten Marmorfassaden verbergen sich düstere Geheimnisse der vier Gründer: alle Freunde seit Studienzeiten, aber nun in Schuld und Schande verstrickt und miteinander im mörderischen Konflikt verbunden. Klara Blums Mitarbeiter Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) darf als scheinbarer Burn-Out-Patient undercover in der Klinik ermitteln. Bevor er aber– so will es die allumfassende dramaturgische Macht der Autorin (Susanne Schneider) - den unübersehbaren Reizen der vielfach umherschweifenden schönen Schwestern auch nur ein einziges Mal erliegen darf, hat er stattdessen direkten Zugang zu streng geheimen Patientenakten. Da klärt sich einiges, auch seine Identität als Polizist, schnell jeglichen Anflug von Erotik erledigend, auf. Libidinös grundiert ist in diesem Tatort vor allem das verdachterregende Konfliktfeld der Vier. Mit ihren zerbrechenden Beziehungen, mit den kostspieligen Brustimplantaten, die immer mehr heftige Reklamationen produzieren, stimmt einiges nicht: Eine Ärztin des Gründer-Quartetts hat alle Operationen eingestellt. Die Alibis halten den sich etwas betulich hinziehenden Ermittlungen nicht mehr Stand. Zwei weitere Morde, eine Entführung – man fragt sich, weshalb keiner der Verdächtigten observiert wird. Wir wissen es nicht, und die Autorin verrät natürlich nichts. So geschehen die weiteren mörderischen Untaten wie unausweichlich, während die Beamten gleichzeitig vor Ort fleißig ihrer tüchtigen Ermittlungsarbeit nachgehen. Das spannende Ende – über den Abgründen des Bodensees versteht sich - wollen wir nicht verraten und allenfalls beim nächsten Durbridge der Öffentlichkeit den Täter vorab offenbaren.

Deutsche Tatorte führen gerne einen gewissen sozialkritischen Touch beschwerend im Gepäck. Man hätte sich statt der in einer opulenten "Schönheitsfarm" nicht so recht einsichtigen, gleichwohl elegant inszenierten Kritik an trügerischen Chichi-Burnout-Therapien eine härtere medizinische Perspektive erwartet: so erzeugen die glitzernden Plastikbüsten aus chinesischer Billigproduktion, die hier teuer verhökert werden, eher bizarre und komische Effekte. Fragwürdige Geschäfte der medizinischen Mafia treten gegenüber psychischen Verwerfungen der Protagonisten in den Hintergrund. Auch wenn abgründige und womöglich verbrecherische Schönheitschirurgen, die in naheliegender Symbolik wohl selbst als potentielle Mörder erscheinen sollen, dann herzlos und brutal gemeuchelt werden, auch wenn hier viele Beteiligte ein Motiv und Gelegenheit haben – der schöne Schein des Ambiente, der Patienten und der Opfer der Morde wirken letztlich allzu konstruiert – auch wenn er sich in sehr gekonnter Bildsprache so glanzvoll entfaltet. Das ist die vielfach geübte Konstruktion von Realität, nicht authentisch wirkende Rekonstruktion. Die Reduktion von Komplexität auf die gewiss überraschende Lösung, deren Enträtselung Klara Blum nicht durch Deduktion, sondern eine seltsam unmotivierte Intuition gelingt, findet in solchen Tatorten - im Unterschied zu gradlinigeren und weniger tiefsinnig problembehafteten US-Krimis - beim krassen Ende statt.

Und ganz am Ende ein friedlicherer Schluss : Klara und Reto – eine nur angedeutete kleine Trennungsaffaire. Vielleicht wird sich Klara unter intensiverem Einsatz von Eva Mattes großer Schauspielkunst in Zukunft mit Kai ( Sebastian Bezzel wirkt in der glitzernden Scheinwelt am klarsten und eindrücklichsten ) in weniger harmlosen Dialogen um Mord mit Methode kabbeln.

 

Dr.jur. Albrecht Götz von Olenhusen, Rechtsanwalt, Freiburg/Br. Lehrbeauftragter an der Heinrich-Heine-Universitäts Düsseldorf

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Götz von Olenhusen, Albrecht (Hrsg.); Paulus, Gerd (Hrsg.)

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Manifeste und Bilder des Protests

Kein & Aber; 2010

978-3-0369-5281-9

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Satire - eine Ehrensache - Beiträge zur Rechts- und Zeitgeschichte

Medien und Recht Verlags GmbH, München; 2010

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