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Tatort - Eine bessere Welt

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Tatort: Eine bessere Welt

Tatort: Eine bessere Welt

Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Eine bessere Welt" rezensiert Jacky Bauer. Sie arbeitet als Polizistin bei der Stadtpolizei Zürich und schreibt seit Jahren die Kolumne "miss undercover" für das Mitarbeiterheft der Stadtpolizei Zürich.

Tja, wer träumt nicht davon? Und geht Mann oder Frau sogar zur Polizei, weil sie sich eine bessere Welt wünschen? Naiver Glaube vielleicht, aber sicher nicht das schlechteste Motiv. Und damit wären wir schon mitten drin im Tatort ‚Eine bessere Welt‘. Wird doch Hauptkommissarin Conny Mey von ihrem Hauptkommissar-Kollegen Frank Steier als ‚Gutmensch mit Helferkacke‘ bezeichnet und angeblich geht sie ihm damit ‚so was von auf den Geist‘. Jaja, da wird Tacheles geredet zwischen Frau Mey und Herrn Steier. Was anfänglich einer ungewollten Notgemeinschaft gleich kommt - weil sich Frau Mey allein mit dem ungemütlichen ‚Ich will einen Mord melden‘-Mann, der zu später Stunde in der Frankfurter Mordkommission Einlass begehrt, nicht wohl fühlt und Hilfe beim zufällig noch anwesenden Steier holt– entwickelt sich im Verlaufe des Films zu einem akzeptabel funktionierenden Team, wenn nicht gar zu einer auf gegenseitiger Sympathie bauenden Freundschaft.
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Copyright: ARD Degeto

Hm, geht es in ‚Eine bessere Welt‘ tatsächlich um das angeblich klassische Dilemma des Polizisten, so lange kein Delikt vorliegt, darf auch nichts unternommen werden? Ich bekomme hier das Problem, dass ich mich im deutschen Gesetzesdschungel zu wenig gut auskenne. Mit Sicherheit weiss ich nur, dass wir in Zürich in Situationen, wie sie im Film gezeigt werden, glasklare Tatbestände sehen. Döring – der gefährliche Mann s.o. – versetzt Mariam Sert – die er als die Mörderin seines Sohnes anklagen möchte – in Angst und Schrecken. Also unbedingt eine Drohung, die Sert anzeigen möchte (Drohung ist bei uns ein Antragsdelikt). Ausserdem benimmt sich Döring wie ein Stalker (Telefonterror, spioniert den gesamten Tagesablauf der Betroffenen aus, lauert ihr auf, verfolgt sie, dringt in ihre Wohnung ein) und erfüllt so ebenfalls eindeutige Tatbestandsmerkmale (Hausfriedensbruch, Tätlichkeit, Nötigung). Was bedeutet, dass wir Stadtzürcher Polizisten uns nicht mit lahmen Telefonaten zufrieden gäben, sich Döring bei uns vielmehr mindestens einer Streife gegenüber sähe, wenn nicht gar unseren Grenadieren… In Deutschland allerdings bleiben die zwei Hauptkommissare alleine und löblich in ihrer Freizeit dran - an dieser Stelle sei nur kurz ausgeplaudert, dass ich kaum Polizisten kenne, obwohl uns dies die Filmbranche des Öfteren weismachen will, die sich in ihrer arbeitsfreien Zeit dazu hinreissen lassen, freiwillig weiter zu ahnden/fanden/ermitteln - abgesehen von einem kurzen Besuch, den Steier Döring mit zwei Uniformierten abstattet.

Hier sei ebenfalls nur nebenbei erwähnt, dass in ‚Ein besseres Leben‘ die Uniformpolizei einmal mehr äusserst flach herauskommt, was wir ja aus der Filmindustrie nicht anders kennen. Entweder zu Statisten degradiert (wie im eben erwähnten Fall, wo Steier flankiert von den beiden Säulen in Dienstbekleidung, nicht einmal deren Namen weiss) oder als grosse Muskelprotze mit Spatzenhirn (wie in der Cafeteria, wo Steier den Polizisten als Affenmenschen bezeichnet…). Ich komme also nicht umhin zu bemerken, dass das Verhältnis zwischen Kripo und Uniformpolizei in Frankfurt beziehungsweise im Tatort nicht besser als in Zürich ist, wo wir leider ebenfalls unter diesem Kastendenken leiden.

Aber für einmal ist es nicht nur die Uniformpolizei, die jämmerlich besteht, nein, auch der Polizeipsychologe holt sich keinen Orden mit seinem Verhalten. Nachvollziehbar ist sein Verhältnis zu Mey – mit der ich mich übrigens gerne identifiziere, verkörpert sie doch eine Idealvorstellung mit ihrer unerschrockenen, gleichbleibend freundlichen, mutigen, erfrischend unverbrauchten, beherzten, humorvollen, immer den richtigen Ton treffenden und dennoch sehr weiblichen Art, der wir es sogar verzeihen, dass sie dauernd mit einem leeren Schulterholster herumrennt (warum trägt sie das unbequeme Ding überhaupt?!) – ansonsten bekleckert er sich aber keineswegs mit Ruhm. Erst würgt er Serts Anzeige ab und später verrät er Döring, wenn auch ungewollt, den Aufenthaltsort des Opfers, indem er Sert telefonieren lässt. Wieder stelle ich fest, dass in Deutschland einiges anders funktioniert. Niemals würde es einem unserer Polizeipsychologen einfallen, sich direkt in die polizeiliche Arbeit einzumischen.

Als wäre nicht schon alles kompliziert genug, muss sich Steier zusätzlich damit herumschlagen, dass sich ein Kollege der Begünstigung schuldig gemacht hat (schlief dieser doch mit Sert und ‚vergas‘ darob, dass sie angetrunken Auto gefahren war). Der Konflikt des Gesetzeshüters: soll er einen Freund nun verpfeifen oder decken? Der Alkohol, lieber Herr Steier, lassen Sie es mich als schwesterlichen Rat formulieren, hilft da aber auch nicht weiter… tststs, wir trinken doch nicht im Dienst!

Kommen wir nun aber langsam zum messerscharfen Ende. Mit Befremden muss ich feststellen, dass Kreti und Pleti, sprich Freund und Feind, völlig dilettantisch Einlass in das Polizeigebäude gewährt wird. Alles bewegt sich gleichermassen frei und unbegleitet im Haus, ja zuweilen wird frau sogar alleine vor die Türe geschickt. So kann es schlussendlich zu einem gefährlichen Showdown in den eigenen Räumen kommen, der wirklich leicht hätte vermieden werden können. Hätten sie nur eine Sicherheitsschleuse und gestrenge Angestellte an der Loge, wie das bei uns anzutreffen ist! Aber wie auch immer, das Problem Döring ist schliesslich dennoch gelöst. Ob die Welt tatsächlich ein bisschen besser geworden ist, wage ich zu bezweifeln, aber immerhin irrt in Frankfurt ein Irrer weniger durch die Strassen. Offensichtlich ist die Stadt nämlich voll davon, wie uns ein Frankfurter Film-Polizist mitteilt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Gefühl, die Welt zu verbessern, stellt sich bei der Polizeiarbeit kaum ein. Meiner Meinung nach besteht vielmehr die Gefahr, dass eher die Schönheiten dieser Welt vergessen gehen und übrig bleibt dann nur noch ein politisch völlig unkorrekter und wenig schmeichelhafter Kosename wie ‚Mongo-City‘, den die Zürcher Gesetzeshüter ihrer Stadt gerne geben…

 

Jacky Bauer. Jacky Bauer arbeitet als Polizistin bei der Stadtpolizei Zürich und schreibt seit Jahren die Kolumne "miss undercover" für das Mitarbeiterheft der Stadtpolizei Zürich.