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Tatort - Die Unsichtbare

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Tatort: Die Unsichtbare

Ein Geständnis gleich zu Beginn: Es hat mir Vergnügen bereitet, diesen Tatort rezensieren zu dürfen. Zwar gefiel mir der Vorgänger, der behäbige, bodenständige Kommissar Bienzle weit besser als das neuzeitliche Duo Lannert/Bootz, das seit 2008 den Dienst in der baden-württembergischen Landeshauptstadt versieht.

Einen Tatort-Kommissar mit Schauspieler Richy Müller zu besetzen ist für mich persönlich keine gelungene Wahl. Gleich zu Beginn der Folge trabt Lannert mit seiner Nachbarin durch eine Winterlandschaft, was die Tatort-Zuschauer in der einen oder anderen Variante schon oft zu sehen bekommen haben. Nun, die Zeiten ändern sich: Früher qualmten die Ermittler ihre Büros neblig, heute gehen sie joggen.

Richy Müller als Kommissar gibt eine seltsame Figur ab. Um einer illegal im Land lebenden Bekannten der Toten eine polizeiliche Befragung ersparen zu können, versucht er sie vorerst aus den Ermittlungen herauszuhalten und spult sein Programm anfänglich auf eigene Faust ab, was sein Kollege – als er davon Wind bekommt – gar nicht goutiert. Tatort-Schreiber verleihen ihren Geschichten gerne einen aktuellen Touch, indem sie diese mit aktuellen Themen würzen. Fremdenfeindlichkeit ist da eine beliebte Zutat. Nicht immer gelingt die Umsetzung solch heikler Themen gleich gut, und es mangelt den Filmen an Spannung und Unterhaltung.

Tatort 779 handelt von illegal in Deutschland lebenden Ausländern. Etwas oberflächlich streift «Die Unsichtbare» das Thema. Einem roten Faden gleich geistern die beiden Kinder der verstorbenen Ukrainerin durch die Handlung. Sie sind auf sich alleine gestellt und hocken nachts, dicht aneinandergedrängt wie Hänsel und Gretel, an einer U-Bahn-Haltestelle.

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Copyright: ARD Degeto

Thematik Spurensicherung? Eine weibliche Leiche wird am Ufer eines Sees gefunden. Winterzeit. Die Kriminaltechnikerin trägt zwar, um keine eigenen Spuren zu legen, einen weissen Schutzoverall. Doch der Kälte wegen hat sie sich um den Hals einen flauschigen Schal geschlungen, bei dem es sich meiner Meinung nach um einen guten Spurengeber zu handeln scheint (Faserspuren!). Die dargestellte Auffindungssituation scheint mir nicht ganz so kritisch zu sein, dennoch ist das Tragen eines Schals über dem Schutzanzug keine gute Wahl. An der Leiche sollte vor dem Abtransport in die Rechtsmedizin eine entsprechende Spurensicherung erfolgen, mit der Asservierung von Mikro- oder biologischen Spuren. Die Übertragung von Faserspuren auf die Leiche dürfte kaum im Pflichtenheft der Spurensicherung stehen. Was zählt noch zu den Arbeiten der Kriminaltechnik? Die angetroffene Situation muss dokumentiert und es müssen jene Spuren gesichert werden, denen Zerstörung droht: Das wären am verschneiten Seeufer wohl Schuh- oder Reifenspuren.

Und nun folgt der Rechtsmediziner: Er verzichtet auf den Schutzoverall, als er an der Leiche zu hantieren beginnt. Trotzdem scheint es sich beim Rechtsmediziner um einen pfiffigen Kerl zu handeln, denn schon bald einmal kann er den beiden Ermittlern mit dem Herkunftsland der Toten dienen, ermittelt aufgrund der Seriennummer ihres künstlichen Hüftgelenks.

Unausweichlich auch in dieser Folge: die Spurensicherer korrekt im weissen Overall und die übrigen Akteure in normaler Strassenkleidung um sie herumlümmelnd. Da raufen sich die Kriminaltechniker die Haare! Bei uns in Zürich gilt: Die Kriminaltechniker und Rechtsmediziner tragen bei Tötungsdelikten von Beginn weg entsprechende Schutzkleidung, und im unmittelbaren Tatortbereich halten sich ausser den Genannten keine anderen Personen auf. Nebenbei: Das Arbeiten im weissen (nicht atmungsaktiven) Overall ist bei sommerlichen Temperaturen oder in geheizten Räumen eine saunamässige Angelegenheit. Zum Schluss noch ein weiteres Geständnis: Ich habe einen Leichen-Tick. Sobald in einem Film eine Leiche ins Bild gerät, beobachte ich mit Argusaugen die Schauspieler, die als Leichen agieren dürfen. Da bin ich schon oft ins Schmunzeln geraten – sei es wegen zuckender Lider oder hüpfender Halszäpfchen.

Tatort Nummer 779 ist keine herausragende Folge, zu oberflächlich und klischeehaft die Handlung. Aber: Zumindest darf in dieser Folge erneut über das Tun der adretten Staats-anwältin geschmunzelt werden. Sie stöckelt von Büro zu Büro, darf einen Rosenstrauss in Empfang nehmen und lässt zwischendurch die beiden Kommissare ihren Unmut spüren. Fast wie im richtigen Leben.

Andreas Schweizer, Kriminaltechniker bei der Stadtpolizei Zürich

Tatort - Das Lexikon

Dingemann, Rüdiger

Tatort - Das Lexikon

Alle Fakten. Alle Fälle. Alle Kommissare. Taschenbuch

Droemer Knaur; 2010

978-3-426-78419-8

CHF 18.90 | Disponible

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