Recherche avancée

 

printHeader

printLine

Tatort - Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen

printColors

Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen

Der mysteriöse Tod von Hanns Helge, „teuerster deutscher Künstler unter 40“, der von einer eigenen Kunstinstallation erschlagen wird, führt die beiden Hauptkommissare Till Ritter und Felix Stark in die Kunstszene Berlins. Gleich zu Beginn der Ermittlungen erfährt Ritter, dass sich sein Onkel Klaus, der ihm sehr nahe stand, das Leben genommen hat.

Während sich Felix Stark von der ihn faszinierenden glamourösen Welt der Kunst förmlich aufsaugen lässt, scheint es seinen Kollegen Ritter anzuwidern, den Todesfall eines abgehobenen Künstlers zu untersuchen, der den Tod ins Zentrum seines Werks gestellt und womöglich seinen eigenen Tod als Vollendung seines Werks inszeniert hat. Dagegen will Ritter nicht wahrhaben, dass sein bescheidener und stiller Onkel sich das Leben in seiner Garage genommen haben soll. Obwohl er für den Fall nicht zuständig ist, untersucht er die Garage und beauftragt Ermittlungsbeamte, denen er vorgibt, mit Klaus Ritter nicht verwandt zu sein, mit weiteren Abklärungen.

Die Handlung entwickelt sich um die Untersuchung der beiden Todesfälle, die zunächst beide auf Suizid schliessen lassen. Im Fall Klaus Ritter ist – ausser für Hauptkommissar Till Ritter – rasch klar, dass Fremdeinwirkung auszuschliessen ist. Schliesslich muss aber auch der Hauptkommissar akzeptieren, dass der schrille Künstler und der stille Onkel selbst im Tod ungleich bleiben.

html_3
Copyright: ARD Degeto

Noch bevor kriminaltechnisch feststeht, dass Hanns Helge umgebracht wurde, lernen die Zuschauer das persönliche Umfeld des Künstlers und damit mögliche Tatmotive kennen. Ritters Hauptverdächtige ist Helges Galeristin Oona von Wilm, deren Beziehung zu Helge diffus bleibt und die vom Tod Helges und der damit verbundenen Wertsteigerung seines Werks profitieren würde. Stark, der sich blendend mit der Galeristin versteht – Ritter verdächtigt ihn, mit ihr ein Verhältnis eingegangen zu sein – wiegelt ab und richtet den Fokus auf den Kunstsammler Horst Büchner, Eigentümer des Werks, unter dem Helge zu Tode kam. Persönliche Motive könnten aber insbesondere bei Markus Kuhn ausgemacht werden. Er hat mit Helge studiert und mit ihm die Meisterklasse absolviert. Als Assistent von Helge würde er sein wahres Potential nie umsetzen können. Zudem ist er der Letzte, der Hanns Helge lebend gesehen hatte und auch in der Lage war, die Kunstinstallation zum Einsturz zu bringen.

Als die Kriminaltechniker dann endlich Gewissheit darüber verschaffen, dass sowohl ein Suizid als auch ein Unfall auszuschliessen seien, löst sich der Fall ebenso rasch wie überraschend. Täterin ist die junge Doktorandin Anna Linde, die über den Tod im Werk von Hanns Helge dissertiert hatte und den staunenden Hauptkommissaren Helges Todesphilosophien erläutert, wonach der Sinn des Lebens in der Unmöglichkeit bestehe, sich den Tod vorzustellen. Ihre eloquenten Erläuterungen überführen sie aber schliesslich. Sie erklärt den Ermittlern, dass die Lilien, die als Teil der todbringenden Kunstinstallation Metaphern des Lebens darstellen sollten, auf Selbstmord schliessen lassen. Die Lilien konnte sie aber nur gesehen haben, wenn sie zur Tatzeit am Tatort war. Ebenso konstruiert wirkt das Motiv. Anna Linde und Hanns Helge hatten einen gemeinsamen Sohn Lukas, zu dem Helge jeden Kontakt vermied. Linde wollte ihrem Sohn nicht erklären müssen, sein Vater liebe ihn nicht. Sie wollte ihrem Sohn dereinst sagen, er wäre der wichtigste Mensch im Leben seines Vaters, wenn er noch leben würde.

Nein, dieser Tatort ist kein Krimi. Es fehlen die schmierigen Anwälte, die cleveren Staatsanwälte und die weisen Richter. Die beiden Hauptkommissare denken keine Sekunde lang daran, dass die erhobenen Beweise – die informellen Befragungen der Tatverdächtigen – weder gesichert noch verwertbar sind. Ein wahrer Krimi könnte dafür in einem zweiten Teil zu diesem Tatort entstehen. Thema wäre, wie die ehemals geständige Anna Linde glaubhaft ihr Geständnis und ihre Tat bestreitet und wie der unschuldige Assistent Markus Kuhn wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt wird – nur vorsätzliche Tötung und selbst dafür nur sechs Jahre, weil die Beweislage für Mord und für eine höhere Strafe zu wenig überzeugend waren.

Tatort - Das Lexikon

Dingemann, Rüdiger

Tatort - Das Lexikon

Alle Fakten. Alle Fälle. Alle Kommissare. Taschenbuch

Droemer Knaur; 2010

978-3-426-78419-8

CHF 18.90 | Disponible

Raccourci Plus Description Liste Panier