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Tatort - Borowski und eine Frage nach reinem Geschmack

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Tatort: Borowski und eine Frage von reinem Geschmack

"Jeder muss selbst auf sich aufpassen, sonst tut es doch keiner", sagt Esther Schweins im Interview zu ihrer Rolle als knallharte Geschäftsfrau Liane Kallberg. Sie, ihr Vater Al-fons, ihr Bruder Paul und ihre Tochter Melinda sind sowohl Täter als auch Opfer in dieser äusserst verworrenen Geschichte, welche Kommissar Borowski, der sein Fahrzeug ohne Notwendigkeit durch Sarah Brandt, eine Nachbarin, abschleppen lässt, sich an fremdem Eigentum vergreift, über hinterzogene Mehrwertsteuer hinwegsieht und sich der Amtsanmassung schuldig macht, aufklärt. Ausgelöst wird die ganze Untersuchung, weil ein Junge trotz väterlicher Aufsicht an einer allergischen Reaktion und letztlich infolge eines fremden Familienstreits sein Leben verliert. Das todbringende Allergen ist als überdosierter Zusatzstoff in einem Energy-Drink enthalten.

Projektionsfläche für die in der betulichen Atmosphäre des flachen Bundeslandes Schleswig-Holstein ablaufende Geschichte bilden drei unterschiedliche Konzepte der Lebensmittelproduktion. Mit neuester Technologie und modernsten Marketingmethoden hat die alleinerziehende Liane aus dem traditionellen Milch- und Milchverar-beitungsbetrieb ihres Vaters ein Industrieunternehmen aufgebaut, welches sie nun zur Sicherung ihrer Zukunft an einen schweizerischen Nahrungsmittelmulti verkauft, in dessen Verwaltungsrat sie künftig Einsitz nehmen wird. Ihr aus dem elterlichen Betrieb verdrängter Bruder betreibt dagegen biologische Landwirtschaft, welche defizitär ist und nur dank wohlwollenden Geldgebern, welche "Kuh-Aktien" erwerben, knapp überleben kann. Das dritte Konzept repräsentiert Sarah Brandt. Sie überlässt ihr ererbtes landwirtschaftliches Gewerbe mit Vorliebe der Wildschweinpopulation. Sie bezieht in Lianes Worten Agrarsubventionen, nur um das Land anschliessend verganden zu lassen. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie dagegen vorab mit handwerklichen und kulinarischen Fähigkeiten. Kommissar Borowski ist davon sichtlich angetan.

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Copyright: ARD Degeto

Die nächsten ein, zwei Jahre dürfte dieser allerdings vor allem damit beschäftigt sein, Fälle von versuchter und vollendeter, vorsätzlicher, eventualvorsätzlicher oder fahrlässiger Begehung von Delikten wie Tötung, Gefährdung des Lebens, Diebstahl, Sachbeschädigung, Betrug, Erpressung, Drohung, Nötigung, Geiselnahme, Hausfriedensbruch usw. zuhanden der Staatsanwaltschaft so aufzubereiten, dass diese Anklage erheben kann. Immerhin braucht er sich um weitere Aspekte des Falles wie Baurecht (zonenwidrige Gewerbetätigkeit in der Landwirtschaftszone), Jagdrecht (Wilderei), Kartellrecht (Vollzug eines meldepflichtigen Zusammenschlusses ohne Meldung) und Steuerrecht (Hinterziehung) nicht zu kümmern.

Im Hintergrund der Geschichte stehen alternative ernährungswirtschaftliche Modelle. Der traditionelle Ansatz baut auf kurze und übersichtliche Herstellungsprozesse, auf die Nähe zum Konsumenten usw. Der industrielle Ansatz baut dagegen auf Arbeitsteilung, Skaleneffekte usw. und überträgt die Verantwortung letztlich dem Staat, der die Konsumenten durch ausgeklügelte Überwachungs- und Rückrufsysteme vor gesundheitlichem Schaden schützen soll. Grossvater Alfons, Bruder Paul und Tochter Melinda vertreten aus unterschiedlichen Motiven den traditionellen Ansatz, wogegen die Schwester konsequent und vehement den industriellen Ansatz verfolgt. In dieser spannungsgeladenen Situation der Gegensätze von Tradition und Moderne gestaltet sich die Geschichte als undurchsichtiges Familiendrama mit eingebautem Generationenkonflikt.

Jürg Niklaus, Rechtsanwalt in Zürich, www.minder-niklaus.ch

Tatort - Das Lexikon

Dingemann, Rüdiger

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Alle Fakten. Alle Fälle. Alle Kommissare. Taschenbuch

Droemer Knaur; 2010

978-3-426-78419-8

CHF 18.90 | Disponible

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