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Tatort: Zwischen den Ohren
Welchen Blick haben praktizierende Staats- und Rechtsanwälte, Polizisten und Richter auf das Treiben ihrer TV-Kollegen? Wir haben Praktiker gebeten, den aktuellen Tatort zu rezensieren. Den Tatort "Zwischen den Ohren" rezensiert Prof. Dr. Roland Hausmann,Chefarzt am Institut für Rechtsmedizin in St. Gallen.
Ein im realen rechtsmedizinischen Alltag gar nicht ungewöhnlicher Fall. Das Auffinden eines abgetrennten Körperteils wirft viele Fragen auf: tierisches oder menschliches Gewebe? Männliche oder weibliche Person? Jung oder alt, wie alt genau? Wie lange schon gelegen? Unter welchen Umständen abgetrennt und womit, also die Frage nach dem Tatwerkzeug. Zu Lebzeiten abgetrennt? Wenn ja: Unfall oder Delikt?
Im Unterschied zu Professor Boerner und seiner eifrigen Assistentin können richtige Rechtsmediziner diese Fragen nicht immer auf Anhieb und vielleicht auch nicht immer mit der im Film gezeigten Eindeutigkeit beantworten. Nun ja, dass es sich um ein menschliches Körperteil handelt, ist bei einem vollständig erhaltenen Fuss recht schnell geklärt. Auch das Geschlecht der Person, von dem das Amputat stammt, lässt sich feststellen, aber dazu braucht es schon DNA-Untersuchungen. Bei der Bestimmung des Lebensalters stösst man dagegen an die Grenzen des Möglichen. Hier ist je nach Fall – wenn überhaupt – nur eine grobe Abschätzung möglich. Gleiches gilt für die Liegezeit, weil die klimatischen Bedingungen, die wesentlichen Einfluss auf den Verwesungsprozess von Geweben haben, in der Realität häufig nicht hinreichend bekannt sind.
Wie bei Professor Boerner richtet sich der geschulte Blick eines Rechtsmediziners auf die Absetzungsränder einer abgetrennten Gliedmasse. Gibt es dort Spuren, die hinweisend sein könnten auf das verwendete Werkzeug? So sind „parallele, halbmondförmige Veränderungen der Epidermis“, wie Professor Boerner sehr realitätsnah seine Feststellungen beschreibt, recht charakteristisch für die Einwirkung einer Schiffschraube. Es liegt somit der Schluss nahe, es könnte sich um den Teil einer Wasserleiche handeln. Wir sind also dem Geschehen schon sehr nahe gekommen. Boerners Ertrinkungsdiagnostik an dem später im Wasser aufgefundenen Leichnam ist dann auch beinahe lehrbuchmässig. Dass der Münsteraner Rechtsmediziner dank der Künste seiner Assistentin an dem Untersuchungsobjekt Dachziegelmehl nachweisen kann und die Herkunft dieser Antragung dann auch noch zu einem Tennisplatz führt, muss jeden Fachkollegen begeistern und gleichzeitig in Staunen versetzen.
Überhaupt ist unser Tatort Professor ob seiner allumfassenden Fähigkeiten, die sich nicht nur auf das rechtsmedizinische Kerngeschäft beschränkt, sehr zu beneiden. Schliesslich kann er mal schnell mittels Ultraschalluntersuchung und Laboranalysen das tatsächliche Geschlecht einer jungen „Frau“ feststellen und damit die Fälschung eines gynäkologischen Gutachtens aufdecken. Und nicht nur das: Boerner ist gerne auch Ermittler, am liebsten würde er die Wohnungsöffnung und Hausdurchsuchung selbst durchführen, im feinen Zwirn versteht sich. Und da unterscheidet er sich nun sehr von seinen Kollegen im wahren Leben. Ausserdem: nicht in 90 Minuten, nicht im Alleingang, sondern im Team, in der Zusammenarbeit mit den naturwissenschaftlichen Abteilungen eines echten Rechtsmedizinischen Instituts wie der forensischen Chemie und Toxikologie und der forensischen Genetik, vor allem aber immer im Auftrag und in enger Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz, neutral, unabhängig, unbefangen. So die Realität. Aber reizvoll ist es schon, das Leben eines TV-Rechtsmediziners zwischen Applaus bei der Preisverleihung, fachlichem Allwissen und Rotweinrausch, verbrüdert mit dem Kommissar.
Und auch da demonstriert er seine Überlegenheit. Während der Kommissar am nächsten Morgen vom schweren Kater gezeichnet darniederliegt, bereitet sich der Herr Professor wie frisch aus dem Ei gepellt und bestens gelaunt schon wieder auf seinen nächsten Auftritt vor. Ein Gespann aus zwei so unterschiedlichen Charakteren, das den Münsteraner Tatort immer wieder zu einem witzigen, kurzweiligen und spannenden Fernseherlebnis macht.
Roland Hausmann——
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