Recherche avancée

 

printHeader

printLine

Philipp Maloney: Anti-Aging

printColors

Philip Maloney: Anti-Aging

Sendung vom 6. November 2011

Kriminologische Statistiken: Dämlich oder dienlich?
Mordkoeffizienten und die Wahrscheinlichkeit eines mordenden Hobbytänzers

Von Nora Markwalder

Fans amerikanischer TV-Ermittler und Liebhabern schauriger Serienmördergeschichten ist die kriminologische Forschung zum Thema Tötungsdelikte wohl bekannt. Allen anderen wird hier ein kleiner Überblick über Mörder, Mord und Maloney mittendrin geboten.

Und wieder erschüttert ein haarsträubender Fall des Philip Maloney die Schweiz. Heute: Nebst den üblichen Protagonisten tummeln sich eine vom frühzeitigen Altern besessene Schönheitsfanatikerin, ein das Tanzbein schwingender Autohändler mit frankophonem Charme (und dazugehöriger Tanzpartnerin), ein geldgieriger Schönheitschirurg und ein am Tourette-Syndrom leidender Mitbewohner mit Hang zur Regierungsverunglimpfung. Soviel vorweg: Frau Pauli kommt mit der Befürchtung zu Philip Maloney, ihr Mann, Autohändler und leidenschaftlicher Hobbytänzer, wolle sie vergiften und habe eine Affäre mit seiner Tanzpartnerin. Kurz darauf wird sie erschossen aufgefunden.

Natürlich sind bei Tötungsdelikten im richtigen Leben wie auch in Hörspielen sofort ermittelnde Beamte vor Ort. So erstaunt es nicht, dass Maloney gleich am Tatort über seinen Lieblingspolizisten stolpert. Erstaunlicher hingegen ist, dass jener Polizeibeamte zwischenzeitlich „ein Buch gelesen“ und sich dementsprechend profunde kriminologische Statistikkenntnisse angeeignet hat. So palavert er genüsslich über die statistische Wahrscheinlichkeit eines mordenden Autohändlers und Hobbytänzers in Kombination mit Schusswaffengebrauch und schliesst gleichermassen scharfsinnig, dass der „Mordkoe-e-e-effizient“ einer solchen Kombination gleich null sein muss. Doch wie sieht es wirklich aus mit solchen Statistiken? Gibt es tatsächlich einen Mordkoeffizienten, anhand dessen der Kriminologe die Wahrscheinlichkeit berechnen kann, dass jemand zum Mörder geworden ist? Oder sind solche Aussagen doch nur „dämliches“ Geschwafel eines übereifrigen Ermittlers?

In der vom Kriminologischen Institut der Universität Zürich zusammengestellten Datenbank zu den Tötungsdelikten der letzten 20 Jahre gibt es zwar keine Angaben zu den Hobbies verurteilter Täter, jedoch sind deren Beruf und Ausbildung darin aufgelistet. So können wir herauslesen, dass immerhin einige Automechaniker in den letzten Jahren in Tötungsdelikte verwickelt waren, jedoch kein einziger Autohändler. Die Bandbreite an verschiedenen Berufen bei den Tätern ist jedoch beachtlich. Vom Stallburschen über den Privatdetektiv (genau, auch private Schnüffler wie Maloney haben einen „Mordkoeffizienten“) bis hin zum Mediziner, ja sogar einer professionellen Tänzerin (was wiederum den Mordkoeffizienten des Ehemannes in die Höhe hüpfen lassen würde) sind so ziemlich alle erdenklichen Berufsgattungen in der Datenbank vertreten. Autohändler sind also wie vom Polizeibeamten richtig eingeschätzt keineswegs mordlustiger als der Rest der Welt.

Andere kriminologische Anhaltspunkte sind da schon gehaltvoller. So werden Tötungsdelikte in 90 Prozent aller Fälle von Männern begangen, und Schusswaffen sind mit 44 Prozent das weitaus beliebteste Tatmittel. Und weil wir gerade bei den Tatmitteln sind: Giftmorde sind übrigens sehr selten und betreffen nur gerade 0.8 Prozent der Fälle. Da war es statistisch gesehen durchaus realistisch, dass Frau Pauli eben nicht vergiftet, sondern erschossen wurde. Ob der Täter weitere mordtypische kriminologische Eigenschaften erfüllt, sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten, sondern der Kombinationsgabe aller Hörer/innen und Hobbykriminologen/innen überlassen, die auch schon mal ein „Buch“ darüber gelesen haben.

Fazit: Die Kriminologie ist kein Allerweltsmittel zur Lösung strafrechtlicher Fälle und bei polizeilichen Ermittlungen oftmals nur von begrenztem Nutzen. Jedoch bietet sie wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der Kriminalität im Allgemeinen sowie deren Prävention. Ein gesunder Menschenverstand und eine scharfe Kombinationsgabe à la Maloney sind daher weiterhin notwendig, um knifflige Kriminalfälle zu lösen. Der Wert der kriminologischen Forschung für Wissenschaft und Gesellschaft sollte aber trotz vorschneller Schlüsse schusseliger Hörspielpolizisten nicht wirklich in Frage gestellt werden. Und zum Schluss nochmals eine Prise Statistik: Beinahe die Hälfte der Tötungsdelikte findet im familiären oder partnerschaftlichen Bereich statt. Die Auflösung des haarsträubenden Falles ist deshalb nicht unbedingt an den Haaren herbeigezogen. So geht das.

(1) Nora Markwalder, Assistentin am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie von Prof. Dr. Martin Killias, Rechtswissenschaftliches Institut der Universität Zürich, und Co-Autorin des SNF-Reports Homicide and Suicide in Switzerland over Twenty Years (1980-2004): A Study based on Forensic Medicine, Police and Court Files.

(2) Siehe dazu KILLIAS, MARTIN/MARKWALDER, NORA/WALSER, SIMONE/DILITZ, CARINE, Homicide and Suicide in Switzerland over Twenty Years (1980-2004): A Study based on Forensic Medicine, Police and Court Files, Zürich 2009 (Report to the Swiss National Science Foundation n°101312-104167/1).