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Leseprobe
Hugues Le Bret
Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätteEin Insiderbericht
Aus dem Französischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann
Verlag Antje Kunstmann
Ich dachte immer, der Kapitalismus sei »das schlimmste System mit Ausnahme aller anderen« – wie Churchill einmal über die Demokratie gesagt hat. Heute habe ich meine Zweifel, ob es tatsächlich besser abschneidet.
Inzwischen ist die Kerviel-Affäre passiert, und ich hatte dabei einen Logenplatz. Ich war dabei, als die Katastrophe am 20. Januar 2008 gegen 13 Uhr im Büro von Daniel Bouton, dem Chef der Société Générale, entdeckt wurde, er erfuhr gleichzeitig mit mir davon. Und es war meine Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren.
Damals stand uns der massive Einbruch der Börsen im Herbst 2008 noch bevor. Im Januar, zu einem Zeitpunkt, der heute sehr fern erscheint, wurde den Märkten gerade erst bewusst, welches Ausmaß die Spekulationsblase bei amerikanischen Wohnimmobilien – Stichwort Subprime-Hypotheken – angenommen hatte. Über diese Krise, die schlimmste in der Geschichte des Kapitalismus seit 1929, ist schon viel geschrieben worden. Schon mehr als ein Jahrzehnt lang war das Krebsgeschwür im Finanzsektor gewuchert, und um ein Haar hätte es das Weltfinanzsystem zum Einsturz gebracht. Wie jede Krankheit hatte auch diese Krise nicht nur eine Ursache; ein Zusammentreffen antagonistischer Kräfte begünstigte die Ausbreitung des Tumors: die Gleichzeitigkeit der Information durch die neuen technischen Möglichkeiten, die Globalisierung der Transaktionen, die Explosion der Kreditvolumina, die Verbriefung von Forderungen, die starke Zunahme illiquider Anlagen, das System der Bonuszahlungen, die Credit Default Swaps oder Kreditausfallversicherungen, die Schwäche der Politik, die Laschheit der Regulierer, die Oberflächlichkeit der Rating-Agenturen. Alles hätte noch viel schlimmer kommen können. Heute bin ich mir nicht sicher, ob das Krebsgeschwür im Inneren des Finanzsystems tatsächlich geheilt ist.
Jérôme Kerviels Betrug war ein Vorbote dieser Erschütterung. Ein schreckliches Symptom, das wir nicht rechtzeitig zu deuten wussten. Und dann war es zu spät.
Viel bleibt zu tun: auf gesünderen Grundlagen neu anfangen, Kreditvergabe, Investmentfonds und außerbörsliche Transaktionen besser regulieren, dafür sorgen, dass die Banken einen größeren Teil des Risikos selbst tragen und nicht in abstrakte Pakete verpacken und verteilen, die Unternehmen entschulden, sich der gewaltigen Staatsverschuldung stellen, die alljährlich Hunderte Milliarden verschlingt, eine echte europäische Regierung schaffen, den wirtschaftlichen Akteuren mehr Kapital zur Verfügung stellen.
Um all das soll es in diesem Buch nicht gehen. Aber es ist der Hintergrund, vor dem sich die Affäre abgespielt hat. Mir persönlich macht das alles eine Heidenangst.
Seit die Büchse der Pandora geöffnet ist, seit ich das System nackt gesehen habe, weiß ich, dass kein Deich, keine Bank und kein Staat, so stark sie auch sein mögen, einer allgemeinen Panik standhalten werden. Ich weiß nicht, von woher die nächste Krise kommen wird, aber es besteht die Gefahr, dass sie noch furchtbarer sein wird als die Katastrophe, der wir um Haaresbreite entronnen sind.
Ich möchte in diesem Buch berichten, was ich erlebt habe. Der größte Betrug aller Zeiten hat sich unmittelbar vor meinen Augen abgespielt.
Mein Bericht war seit Langem fertig, aber ich habe mit der Veröffentlichung das Ende des Prozesses gegen Jérôme Kerviel abgewartet. Ich wollte den Eindruck vermeiden, auf den Gang der Dinge Einfluss nehmen zu wollen, und mich nicht dem Verdacht aussetzen, aus Berechnung zu handeln oder über die Bande zu spielen. Ich wollte keinen Schnellschuss verfassen, kein Storytelling betreiben. Es ging nicht darum, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Justiz hat gesprochen, die Abrechnung stattgefunden. Jeder hat bezahlt, mit Cash, mit seiner Reputation, seiner Gesundheit oder vor Gericht.
Dieses Buch ist mein persönliches Anliegen. Ich habe vor der Veröffentlichung niemanden um Erlaubnis gebeten. Ich konnte die Sache nicht einfach zu Ende gehen lassen, ohne meinen Beitrag zu leisten.
Als Mitglied des Vorstands einer der größten Banken der Welt, die über fünf Milliarden Euro Gewinn macht, habe ich gesehen, wie eine ganze Mannschaft, ein ganzer Berufsstand einer fortschreitenden Verblendung verfiel. Dabei hatte ich Nur die Paranoiden überleben von Andrew Grove, dem Mitbegründer von Intel, gelesen, der schreibt, starke »Furcht« sei der Schlüssel zum Erfolg: die Furcht, dass man von der Technologie, den Konkurrenten oder dem Verhalten der Angestellten überholt wird. Bei der Société Générale haben wir fünf Jahre mit sehr hohem Wachstum in allen Bereichen erlebt. 2006 wurden wir von der Zeitschrift Euromoney zur »Besten Bank der Welt« gekürt. Wir haben in Frankreich pro Jahr rund fünftausend neue Mitarbeiter eingestellt. Allein an unserem Haupt sitz im Pariser Geschäftsviertel La Défense waren wir pro Jahr tausend Leute mehr, und der dritte Turm, den wir bauten, reichte schon bald nicht mehr aus.
Wir waren uns sehr sicher.
Alles gelang uns, aber in Wahrheit hatten wir allmählich unsere Wachsamkeit verloren und eine Unternehmenskultur entwickelt, in der Eroberungen und Gewinn wichtiger waren als Kontrolle, Zweifel und Misstrauen. Natürlich absolvierten wir regelmäßig unsere Stresstests, aber anhand von Zahlen aus der Vergangenheit, und die zeigten keine solchen Ausschläge wie die, die schließlich auftraten und beinahe alles zum Einsturz gebracht hätten.
Natürlich hielten wir permanent Ausschau, woher die nächste Krise kommen könnte. Ironie des Schicksals: Zu einem Seminar Ende 2007 in Prag hatten wir den Essayisten Nassim Nicholas Taleb eingeladen, der uns seine Theorie der Schwarzen Schwäne auseinandersetzen sollte. Der Titel seines Bestsellers ist eine Parabel: Vor der Entdeckung Australiens glaubte man in der Alten Welt fest, dass Schwäne weiß seien, denn alle Schwäne, die Naturforscher je gesehen hatten, waren weiß. Bis der erste schwarze Schwan entdeckt wurde.
Nach Talebs Auffassung hält der menschliche Geist nur das für möglich, was er kennt. Aber die Wiederholung eines Phänomens erlaubt keine Voraussage für die Zukunft. Nassim Nicholas Taleb hat das Studium von Zufall, Unsicherheit, Wahrscheinlichkeit und der Relativität des Wissens zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Er vertritt die Auffassung, dass das, was wir nicht kennen, sehr viel mehr Einfluss hat als das, was wir kennen, und dass man permanent auf das Unmögliche vorbereitet sein muss.
Damals in Prag hörten wir ihm amüsiert zu. Sein Vortrag war brillant, aber wir waren uns unserer Stärken sicher. Wir hatten nie gedacht, dass die Welt perfekt wäre, dass keine Prob leme auftauchen würden, dass es kein Auf und Ab mehr geben würde. Wir hatten einfach angenommen, dass die zukünftigen Ausschläge ein bisschen stärker sein würden als die in der Vergangenheit und dass wir das Unbekannte schon irgend wie in den Griff bekommen würden. Wir zweifelten nicht an uns.
Und dann tat sich am 20. Januar 2008 innerhalb weniger Minuten ein Abgrund vor uns auf. Ich sah, wie Männer ins Wanken gerieten, Systeme, Meinungen, Haltungen, Handlungsweisen. Es war ein bisschen wie im Mai 1940, als die »Grande Nation« im Bewusstsein ihres Sieges im Ersten Weltkrieg, im Vertrauen auf die Maginot-Linie und darauf, dass ihre Armee »die stärkste der Welt« war, innerhalb von zehn Tagen zusammenbrach. Die Regierung, die Generäle und die maßgeblichen Politiker flüchteten vor dem deutschen Vormarsch kopflos nach Bordeaux, und alle verloren ihre schöne Selbstsicherheit und ihre ehernen Überzeugungen. Sie waren wie Strohballen im Sturm. Das macht demütig. Und nachdenklich.
Le Bret, Hugues; Schäfer, Ursel (Übers.); Heinemann, Enrico (Übers.)
Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte
Ein Insiderbericht
Kunstmann Antje GmbH; 2011
978-3-88897-722-0
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